Igor Strawinsky, "Geschichte vom Soldaten"

Die Geschichte vom Soldaten

 

Seit 1910 lebte Igor Strawinsky (1882 – 1971) in der Schweiz, wo er während des ersten Weltkriegs auf den Gedanken kam, den immer größer werdenden Schwierigkeiten der Aufführung von Opern mit einem völlig neuen Konzept von Musiktheater zu begegnen. An ein einfaches Wandertheater dachte er, als er gemeinsam mit dem Librettisten Charles Ferdinand Ramuz an der “Geschichte vom Soldaten” arbeitete. Die Auswirkungen des Krieges wurden damals auch in der Schweiz vehement spürbar und nach der russischen Revolution brachen auch die Verbindungen in seine Heimat ab. Aber es waren nicht nur die äußeren Zwänge, die das Konzept der “Geschichte vom Soldaten” auslösten. Strawinsky und mit ihm viele Künstler der Jahrhundertwende forderten zu dieser Zeit eine ”Ästhetik der Einfachheit”, die sich entschieden gegen den Bombast im Musiktheater des 19. Jahrhunderts wandte. Das Stück, das er damals im Sinn hatte, sollte mit minimalem Aufwand auch auf Jahrmärkten oder in Scheunen spielbar sein. Dem Schweizer Schriftsteller Charles Ferdinand Ramuz (1887 –1947) vermittelte er eine Sammlung russischer Erzählungen und dieser entwarf ein Stück nach Art einer Moritat mit lebenden Bildern. “Die Erzählung und damit der Vorleser stehen im Vordergrund. Der Vorleser muss... die Handlung vermitteln, d. h. den Charakter der Personen und das ganze Szenenbild sichtbar und fühlbar machen, schon bevor Personen und Szenenbild da sind...”

 

Ein junger Soldat ist auf dem Weg von der Front nach Hause. Urlaub hat er. Da begegnet ihm ein Mann, der seine Geige haben möchte. Der Soldat tauscht die Geige schließlich gegen ein Zauberbuch, das die Dinge voraussieht und ihm zu viel Geld verhilft: Zu spät erkennt er, dass er einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat. Er verliert seine Familie, er wird reich, aber unglücklich, weil niemand mehr ihn lieben mag. Verzweifelt marschiert er in ein anderes Land. Die Tochter des Königs ist krank und der König verspricht sie dem zur Frau, der sie zu heilen vermag. Da begegnet der Soldat dem Teufel wieder. Jener besitzt, was allein der Prinzessin zu einer Linderung ihrer Schmerzen verhelfen kann: die Geige. Aber wie sie wieder erlangen? Auch hier ist eine entscheidende Wendung eingefügt: So lange der Soldat noch etwas besitzt, solange bleibt er in der Gewalt des Teufels. Entledigt er sich seines Geldes, dann ist er frei. Der Soldat lädt den Teufel zum Kartenspiel, er verliert alles und säuft den Teufel unter den Tisch. Nun hat er die Geige wieder: Er heilt die Prinzessin und besiegt den Teufel, indem er ihn mittels eines fulminanten ‘Teufelstanzes’ zu Boden zwingt. Das Glück scheint vollkommen. Doch da erscheint der Teufel wieder auf der Szene. Erneut hat er die ‘Grenze’ verschoben: Wehe dem Soldaten, wenn er je jene Grenze überschreitet, die ihn nun von seiner Mutter und der Heimat trennt, weh ihm, wenn ihn je das Heimweh packt. Nach einiger Zeit aber wird die Prinzessin neugierig, fragt nach des Soldaten Herkunft, drängt auf eine Reise in seine Heimat... Das Stück endet mit einem grandiosen Triumphmarsch des Teufels.

 

Strawinsky reduzierte das Opernorchester auf sieben Musiker: je ein hohes und ein tiefes Holz- (Klarinette und Fagott), Blech- (Trompete und Posaune), und Streichinstrument (Violine und Kontrabass) sowie ein Schlagzeuger (mit sieben Schlaginstrumenten). Der Gedanke an die Aufführungsmöglichkeiten des Stückes könnten vermuten lassen, Strawinsky habe auch die Musik des Stücks sehr einfach gestaltet. Das Gegenteil ist der Fall: Die Instrumentalstimmen sind durchaus schwierig gestaltet, am auffälligsten im rhythmischen Bereich. Die Musik besteht aus vielen kurzen, in sich geschlossenen Nummern, die aneinandergereiht sind. Sie wirkt völlig unromantisch und karg. Fast ausnahmslos griff Strawinsky bei der Komposition auf bekannte Genres zurück. Wir hören einen Marsch, eine Pastorale, Tango, Walzer, Ragtime und einen Choral. Doch der Marsch fällt aus dem Schritt, Tango, Walzer und Ragtime lassen sich kaum tanzen, und der Choral könnte sich in einer Kirche kaum hören lassen. Aber der Schein trügt. Der unvollkommene Eindruck wird mit raffinierten Kunstmitteln erzeugt: ausgefeilte hochkomplexe Rhythmik ebenso wie die zeitweilige Gegenläufigkeit von Rhythmik und Melodik. Charakteristisch ist auch der Einsatz des Schlagzeuges, das als vollwertiges Soloinstrument eingesetzt wird und zeitweise die Führung übernimmt. So endet das Stück - völlig ungewöhnlich - mit einem Schlagzeugsolo.

Albrecht Dürr